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Was fehlt, wenn Gott fehlt?

Bildung & Spiritualität

2018 schrieb die Landeskirche diese Preisfrage öffentlich aus.
Ruedi Fink, ein Autor aus Bern, hat sie am überzeugendsten beantwortet – fand unsere Jury.

Aber lesen Sie selbst:

Der kleine Gott. Der Glaube an den grossen Gott der Christenheit verschwand früh aus meinem Leben. Nachher glaubte ich an anderes. Das ging damals vielen Leuten so. Eigentlich grundlos, wie Fernando Pessoa einmal maliziös anmerkt. Vom alten Glauben blieb allerdings einiges zurück. Sozusagen die Hinterlassenschaft des grossen Gottes. Er selber fehlt mir nicht. Für einen kleinen Gott dagegen hätte es Platz in meinem Leben, ohne ihn komme ich mit dem verlassenen Himmel, seinen neuen Gesetzen und Wächtern schlecht zurecht.

Dass ich solche Betrachtungen anstellen darf, ist nicht zuletzt eine Folge der Reformation vor 500 Jahren. Sie hat die Menschen (mit Ausnahme des Klerus) grösser gemacht, Gott allerdings nicht kleiner. Das hat dazu ermutigt, es mit ihm aufzunehmen und das eigene Heil sowie jenes der ganzen Menschheit selber an die Hand zu nehmen. Mir scheint, das sei etwas aus dem Ruder gelaufen. Vielleicht braucht es eine neue Reformation. Einen kleineren Gott. Viel kleiner.

Was fehlt, wenn Gott fehlt, ist nicht für alle gleich, und wie man damit über die Runden kommt auch nicht. Deshalb sind meine Betrachtungen eher biografischer Natur, das heisst: nicht theologisch, sondern eher «theografisch». Aufgeräumte Gotteserfahrung gewissermassen. Was fehlt, wenn Gott fehlt, hängt ebenfalls davon ab, wo und wann man unterwegs ist.

Grosser Gott, wir loben Dich!

Mitte des letzten Jahrhunderts waren in der Innerschweiz an Sonntagen die Kirchen voll, und wo es neue Arbeitsplätze gab, mussten für die Zugezogenen und die vielen Kinder, die nach dem Krieg auf die Welt gekommen waren, neue Kirchen gebaut werden. Ich war eines dieser Kinder und wuchs neben einer neuen Kirche auf. Dort habe ich den grossen Gott kennen gelernt. Er hing in Bronze gegossen riesig und tonnenschwer am Kreuz über dem Altar, vor dem ich als Ministrant auf den Treppenstufen kniete und stets befürchten musste, er könnte sich von der Wand lösen und den Pfarrer und mich zermalmen. Ausserhalb der Kirche hing Gott wegen den Sünden recht gewichtig über mir und an der Vortragsübung in der Musikschule spielte ich auf der Geige «Grosser Gott, wir loben Dich». Ein rechter Kontakt mit ihm kam trotzdem nicht zustande…

Mehr lesen auf www.zhref.ch/preisfrage oder in der Publikation: «Was fehlt, wenn Gott fehlt?». TVZ, 2019.