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Zusammen anpacken für Flüchtlinge

Inspirierende Beispiele partizipativer kirchlicher Arbeit: Hans Leu hat in der Kirchgemeinde Zürich Oerlikon zusammen mit anderen Freiwilligen eine Lernwerkstatt für Flüchtlinge aufgebaut. «Wir sind nicht nur eine Kirche, die am Sonntag betet, sondern eine, die auf Menschen und ihre Bedürfnisse zugeht», sagt der Elektro-Ingenieur, der sich seit über 30 Jahren in der Kirchgemeinde engagiert.

Im 2015 starteten Sie das Flüchtlingsprojekt «Werk.Statt.Flucht». Wie kam es dazu?

In diesem Jahr kamen sehr viele Flüchtlinge in die Halle 9 in Oerlikon, welche als temporäre Unterkunft genutzt wurde. Zu Beginn organisierte eine engagierte Kirchenpflegerin verschiedene Programme, vor allem für Frauen: Gemeinsam nähen, zusammensitzen und plaudern, auch in Begleitung der Kinder. Vor Ort gab es Deutschkurse, Spielkurse und anderes. Es gab in dieser Halle auch viele alleinstehende Männer, die herumsassen, rauchten und nichts zu tun hatten.

Hier galt es also aktiv zu werden?

Die Kirchenpflegerin Karin Fritzsche fragte mich damals, ob ich für diese jungen männlichen Flüchtlinge etwas machen könnte. Sie meinte, dass wir im Luftschutzkeller Platz hätten, um ein Angebot aufzubauen. Wir konnten den Raum ausbauen und Arbeitsplätze für vier bis fünf Leute einrichten. Ich schrieb ein Betriebskonzept und sprach mit der Asylorganisation, damit uns Flüchtlinge zugewiesen wurden. Das war ein eigentliches learning by doing. Gleichzeitig versuchten wir den bei uns engagierten Flüchtlingen verschiedene Grundwerte zu vermitteln. Zum Beispiel das genaue Arbeiten, die Werkzeuge wieder richtig zu versorgen und am Ende einer Arbeit sauber aufzuräumen. Auch rechtzeitiges An- und abmelden, Verbindlichkeit und Pünktlichkeit sind wichtige Schlüsselkompetenzen.

Wie wird in der Werkstatt gearbeitet?

Wir haben einen guten Schreiner und einen kompetenten Velomechaniker. Es gibt hier abwechslungsreiche und interessante Arbeit. Es kann sein, dass unsere Teilnehmer an einem Tag löten, am nächsten Tag schreinern oder die Woche darauf malen. Wir produzierten für den Kirchenbasar verschiedene Schreinerarbeiten, z.B. Kügelibahnen und Spielzeuglastwagen. Diese werden im Kirchenbazar für einen guten Zweck verkauft. Das Ziel ist aber, dass die Leute hier lernen mit dem vorhandenen Material umzugehen. Es geht nicht darum mit den Reparaturen Geld zu verdienen. Es geht um die Aneignung handwerklicher Grundkompetenzen und Deutschkenntnisse. Für Reparaturarbeiten bringen uns die Leute alle möglichen Geräte: Bügeleisen, Lampen, Kaffeemaschinen und vieles mehr. Sie sind froh, dass es noch jemanden gibt, der das repariert.

Was war förderlich, was war hinderlich beim Aufbau des Projektes?

Wir hatten das Glück recht autonom zu sein. Wir konnten alles relativ unabhängig in Kooperation mit der Kirchgemeinde aufbauen, ohne gross nachfragen zu müssen und ohne administrative Hürden. Wir erhielten von der Kirchenpflege die volle Unterstützung. Die Kirchgemeinde profitiert im Gegenzug von der positiven Ausstrahlung unseres Projektes gegenüber der Öffentlichkeit. Wir sind nicht nur eine Kirche, die am Sonntag betet, sondern eine Kirche, die aktiv auf Menschen und ihre Bedürfnisse zugeht.

Wir entwickeln die Angebote zusammen. Neue Freiwillige können ihre Ideen und Kompetenzen einbringen. Schwerpunkt sind aber vor allem die handwerklichen Kompetenzen. Ich bin nicht derjenige, der immer dirigiert. Aber ich kenne den finanziellen Rahmen und die Platzverhältnisse hier am besten. Wir sind eine selbstorganisierte Gruppe und funktionieren weitgehend selbständig und frei.

Auch mit den Kirchgemeinde-Angestellten läuft alles gut. Jetzt merken sie, dass sie uns nutzen können, dass wir Sachen reparieren. Und dass wir den Sigrist notfalls ergänzen können. Die Kirche sieht den Mehrwert in unserem Programm unmittelbar. Nicht nur die preislichen Vorteile, sondern, auch die schnelle Reaktion auf Reparaturanfragen werden geschätzt. Wir pflegen Gemeinschaft, indem wir uns gegenseitig unterstützen und helfen.

Arbeiten Sie auch mit anderen Institutionen und Organisationen zusammen?

Unsere Kirchgemeinde ist als Partnerin sehr wichtig. Und wir haben eine enge Zusammenarbeit mit der Sozialberatung der Asylorganisation. Auch mit der Stiftung Futuri (berufliche Integration für Flüchtlinge) und ORS (ein Betreuungs- und Integrationsunternehmen für Flüchtlinge) arbeiten wir zusammen. Die haben sehr gute Programme in der Berufslehr-Integration. Dorthin konnten wir schon einige Teilnehmer vermitteln.

Welches Menschenbild braucht es, um Mitwirkung zuzulassen?

Ich sehe andere Menschen auf Augenhöhe. Und mir ist es wichtig, dass die anderen ihre Freude hier an der Arbeit haben und ihre Motivation behalten. Delegieren können, und nicht alles selbstmachen wollen, das ist auch wichtig! Es darf auch mal etwas schiefgehen, kaputt gehen- oder jemand nimmt das falsche Werkzeug in die Hand. Das muss man aushalten. Und man soll eine gute Kommunikation untereinander pflegen, sich gegenseitig wertschätzen und Dankbarkeit zeigen. Wir machen zum Beispiel einmal pro Jahr einen Ausflug mit den Flüchtlingen zusammen, und auch immer ein Abschlussessen für die Freiwilligen.

Mehr Infos auf: https://wsfoe.ch/