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Wir haben das Generationenhaus zusammen erarbeitet

Im «Generationenhaus Sonnegg» in Zürich Höngg gehört Partizipation seit dem Aufbau zur Grundhaltung des Projekts. Sozialdiakonin Claire-Lise Kraft und Pfarrer Markus Fässler erzählen, wie das geht.

Was verbinden Sie mit dem Begriff „Partizipation“?

Markus Fässler: Partizipation meint den Miteinbezug von Menschen und deren Ideen. Wichtig dabei ist die interdisziplinäre Arbeit, vor allem mit den Behörden.

Claire-Lise Kraft: Partizipation heisst Teilhabe. Das heisst, andere bringen einen Teil dazu. Daraus entsteht ein Ganzes. Das ist vor allem bei Projekten wichtig. Damit diese vielschichtig und fantasievoll werden. Da ich selbst von der Jugendarbeit und dem Cevi herkomme, weiss ich, wie wichtig Mitgestaltung ist. Und weil ich als Jugendliche schon selbst mitentwickeln konnte, ist für mich diese Arbeitsweise selbstverständlich.

Im Generationenhaus Sonnegg in Höngg gehört Partizipation von anhin zum Programm. Wie würden Sie dies Mitgestaltungmöglichkeiten beschreiben?

CLK: Als wir das Projekt Generationenhaus Sonnegg in Höngg starteten, hatten wir die Idee eines gemeinsamen Gemeindeentwicklungsprozesses im Bereich der Familien- und Generationenarbeit. Wir wollten zusammen «die Kirche entwickeln» - durch alle Projektphasen hindurch. Aus dieser Grundhaltung entstanden alle unsere Angebote hier im Haus, zum Beispiel mittels Ideenbörsen. Deshalb haben wir auch so viele engagierte Freiwillige hier. Die waren von Anfang an eingebunden.

MF Wir stellten nicht einfach ein Haus hin, und dann gab es «Partizipation». Die ganze Bauentwicklung passierte partizipativ. Vom Angebot bis zum Betrieb. Kirchenferne und -Nahe, Freiwillige, die ehemaligen «Sonneggfrauen»: Alle waren eingeladen mitzumachen. Alles was in diesem Haus stattfinden sollte, wurde prozesshaft zusammen mit den Leuten erarbeitet.

Wie weit geht der Freiraum für Freiwillige? Gibt es „selbstorganisierte Gruppen», die etwas komplett allein umsetzen?

MF: Der Sonntagstreff ist ein gutes Beispiel. Das sind Familien, die sich mehr vernetzen wollten, die am Gottesdienst teilnehmen und sich anschliessend treffen. Sie haben einen Schlüssel, oder jemand von uns schliesst auf.

CLK: «Liib und Seel» am Freitagabend funktioniert ähnlich: Zuerst gibt es eine schlichte Mahlfeier, dann den Gottesdienst in der Kirche und anschliessend Kaffee und Kuchen für alle, etwa fünfmal pro Jahr.

Wie erkennt man Bedürfnisse der Menschen in der Kirchgemeinde oder im Quartier? Und wie werden diese in die Gestaltung des Kirchgemeindealltags miteinbezogen?

MF: Vor dem Bauprozess wurden Interviews durchgeführt und gezielt nach den Bedürfnissen der Menschen gefragt. Auch Aussenstehende wurden miteinbezogen, nicht nur die Kerngemeinde. Unsere Gemeinde verändert sich laufend. Deshalb testen wir aus, beobachten, machen Erfahrungen und schauen wiederum, was wir anpassen müssen. Es sind immer dieselben Schlaufen, die wir machen.

CLK: Wir machen immer wieder Neupositionierungen, z.B. mittels einer Zukunftswerkstatt. Oder im Café mit einem Fragebogen. Höngg ist nicht einfach ein homogenes Quartier, es ist ein Zusammenspiel verschiedener sozioökonomischer Schichten, ein Miteinander verschiedener Leute in verschiedenen Lebenswelten. Deshalb ist es auch in der Kirchgemeinde wichtig, die Vielfalt zu leben.

Welches Menschenbild braucht es, um Mitwirkung zuzulassen?

MF: Einer unserer Grundsätze ist, dass wir unser Gegenüber als gabenorientiertes Wesen mit Fähigkeiten und Wissen ansehen. Diese Gaben möchten wir einbinden. Wir wollen mit gemeinsamen Zielen etwas Sinnvolles erreichen. Rein biblisch gesehen ist das Einbinden der Leute das Bild eines Leibes mit vielen Gliedern. Partizipation ist eine Kultur mit einem offenen Menschenbild. Manchmal kann auch ein Rollentausch, weg von den klassischen Rollenverständnissen, förderlich sein. Ich mute dem anderen mehr zu, als er sich selbst zutraut. 

Welches sind gute Voraussetzungen für Mitwirkung und Mitbestimmung?

MF: Es braucht Strukturen und Haltungen, die für Partizipation förderlich sind. Zum Beispiel Gastlichkeit, das Gefühl, dass man erwünscht und willkommen ist. Beteiligung muss leichtfallen, es darf nicht zu kompliziert sein. Es muss ein guter Rahmen dafür geschaffen werden. Wollwohlen, Wertschätzung, Ermöglichung, und nicht sofort beurteilen, was gut oder schlecht ist.

CLK: Der Rückhalt seitens Behörde: Unsere Kirchenpflege unterstützte die partizipativen Prozesse und stand immer voll hinter uns. Das war sehr wichtig.

Was sind Risiken der Mitwirkung und Beteiligung?

MF: Wenn viele mitmachen, wenn alles auf den Schultern von Freiwilligen liegt, braucht es ein gutes Management. Aber kleinliche Reglemente, zu viel Kontrolle, der Drang zur Vereinheitlichung – das ist hinderlich.


Claire-Lise Kraft arbeitet seit 2002 bei der reformierten Kirche in Zürich als Sozialdiakonin im Bereich Familien und Generationen und koordiniert die Freiwilligenarbeit im Kirchenkreis 10.

Markus Fässler, ist seit 2002 Pfarrer in Zürich Höngg und betreut den Schwerpunkt Kind und Familie.

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