Message

Soziale Arbeit in der Kirche: Profis mit Pioniergeist

Welche Rolle spielt die Diakonie in einem gut ausgebauten Sozialstaat? Und welches Rüstzeug brauchen Sozialdiakone und Sozialdiakoninnen? Im Gespräch mit Urs Frey, Dozent für Soziale Arbeit. Von Christian Schenk

Urs Frey, Sie haben im Rahmen des CAS Diakonie während Jahren Sozialdiakoninnen und -diakone ausgebildet. Welche Menschen haben Sie angetroffen?
Das ist nicht leicht zu kategorisieren. Aber es gibt jene, die aus der klassischen Sozialarbeit, der Soziokulturellen Animation oder der Sozialpädagogik stammen und bei der Kirche als Arbeitgeberin angekommen sind. Diese Leute haben eine unterschiedlich stark ausgeprägte Affinität zu Kirche und Religion. Und dann gibt es die Gruppe der Absolventen, die näher bei der Kirche aufgewachsen sind und von daher ihre Motivation beziehen, sich als Sozialdiakon, als Sozialdiakonin in der Kirche zu engagieren.

Hat die Ausbildung beiden etwas zu bieten?
Der CAS-Lehrgang war von Anfang an darauf angelegt, Leute, die eher von aussen kommen, an das spezifische Arbeitsfeld der Kirche heranzuführen. Anderseits ging es auch darum, die Mitarbeitenden gut zu qualifizieren, auch solche, die schon lange bei der Kirche gearbeitet haben.

Was bedeutet es, wenn Sozialarbeiter oder soziokulturelle Animatorinnen an die Arbeit in der Kirche herangeführt werden sollen?
Der Kurs sorgt für das Kennenlernen der Institution, des theologischen Rahmens. Er sorgt dafür, dass man die Kirche als Arbeitgeberin versteht. Mindestens ebenso wichtig ist die innerkirchliche Sozialisation am Arbeitsplatz in der Kirchgemeinde vor Ort. Was mir wichtig ist: Man sollte die diakonische Arbeit nun nicht als etwas extrem Spezifisches ansehen. Eigentlich hat ja jeder Arbeitgeber im sozialen Bereich seine Kultur. Das gilt auch für die Kirche. Letztlich geht es darum, professionelle Sozialarbeit zu machen. Dafür qualifiziert das CAS Diakonie.

Trotzdem: die Rahmenbedingungen sind bei der Kirche andere…
Ja. Klassische staatliche soziale Arbeit bewegt sich innerhalb eines definierten gesetzlichen Rahmens. Das sind teils enge Normen und Regelwerke. Da steht man als Sozialarbeiter bisweilen in einem Spannungsfeld bezüglich der Bedürfnisse, die die Klienten haben und den vom Staat und der Politik vorgegebenen Möglichkeiten zu helfen. In der Kirche gibt es zwar auch nicht unbegrenzte Möglichkeiten. Aber die Diakonie hat durch ihre Tradition einen anderen Zugang. Sie geht viel stärker vom Menschen und seiner Bedürftigkeit aus. Kirchliche Sozialarbeit kann also flexibler und direkter agieren und muss weniger auf ein fixes Normenkorsett Rücksicht nehmen. Kirchliche Sozialarbeit kann den Menschen im Idealfall in seinem ganzen Bedürfnisspektrum wahrnehmen – auch emotionale und spirituelle Fragen aufnehmen.

Diakonie hat also auch seelsorgerische Komponenten?
Durchaus. Und sie kann sich mit der Pfarrschaft vernetzen, die hier den Schwerpunkt ihrer Kompetenzen und Aufgaben hat. Aber die Grenzen der Professionen sind fliessend, sollen sich überlappen und ergänzen.

Das ist der Idealfall. In der Realität wird an dieser Schnittstelle oft auch um Kompetenzen gerungen. Wie nehmen Sie das wahr?
Das trifft zu. Das hat eine lange Geschichte, hat mit Hierarchien zu tun, wie man sie zum Beispiel auch aus dem Gesundheitswesen von Ärzteschaft und Pflegepersonal kennt oder kannte: Götter in Weiss mit langer Ausbildung und Krankenschwestern, ehemals Diakonissen, die eher zudienende Aufgaben hatten. Dieses Berufsbild hat sich in den letzten Jahrzehnten komplett verändert. Das Pflegepersonal ist längst hoch qualifiziert. Gleichwohl bleibt eine Konkurrenz noch spürbar. Im kirchlichen Kontext gibt es das auch, und es bleibt eine gewisse Hierarchie allein schon durch gesetzliche Regelungen, durch das Zuordnungsprinzip, bestehen, die der Pfarrschaft einen besonderen Status verleiht. Allerdings ist es in der Praxis in einer modernen Zürcher Kirchgemeinde so, dass Sozialdiakone und Pfarrschaft eng zusammenarbeiten. Und aus meiner Sicht funktioniert das auch in den meisten Fällen gut.

Hilft die Ausbildung der Sozialdiakonie, diese Hierarchien abzuflachen?
Absolut. Das ist eines der ursprünglichen Ziele. Wir wollen die Professionalität der Diakonie erhöhen. Das schafft ein anderes Selbstverständnis und Selbstbewusstsein. Damit erreicht man Begegnung auf Augenhöhe mit anderen Professionen.

Was sind die Kompetenzen, die die Sozial­diakone und -diakoninnnen in das Gemeindeleben einspeisen?
Diakonie ist vor allem sozialräumliches Arbeiten. Dieses Knowhow ist ganz wichtig. Sozialdiakone richten ihr Arbeiten auf die Menschen in diesem Raum aus, nicht nur auf Mitglieder im engsten Sinn, sondern an die ganze Gesellschaft. Die Kirche im Kanton Zürich ist ja nicht nur einfach ein Club oder eine Glaubensgemeinschaft, sondern eine Volkskirche mit einer öffentlich-rechtlichen Verfassung und Steuergeldern auch von Unternehmen. Das heisst: Diakone arbeiten darauf hin, dass man alle Menschen im Blick behält. Dann gilt es daraus strategische Ableitungen zu machen, was vor Ort wichtig ist und was Not tut. Dabei ist man im Bereich der Sozialen Arbeit nicht allein, sondern im Konzert mit staatlichen und anderen Playern.

Was ist denn die Rolle der kirchlichen Sozialarbeit, wenn mehrere Player auftreten?
Wichtig scheint mir, dass man nicht ins Konkurrenzdenken verfällt und das Gefühl hat, man müsse andere überbieten. Natürlich soll es ein Anreiz sein, im Vergleich mit andern gute Arbeit zu leisten. Aber primär gilt es, sich bewusst zu werden, was es schon gibt – und wo es uns braucht. Da verfügt die Sozialdiakonie über grosse Kompetenz.

Welche Themenfelder soll die Kirche besetzen? Soll sie Lücken füllen oder als Pionierin agieren?
Es braucht beides. Man darf durchaus demütig Lücken besetzen, aber man kann auch selbstbewusst und innovativ agieren, weil die Kirche flexibler ist als der Staat. Kirche kann in der Früherkennung für soziale Brennpunkte aktiv sein. Das war sie auch immer. Sie ist ja so etwas wie die Geburtshelferin für die heutige Soziale Arbeit.

An sozialen Brennpunkten präsent sein hat auch eine politische Dimension. Wie soll sich die Kirche hier verhalten?
Ich bin sehr dafür, dass sich die Kirche engagiert und nicht in der Neutralität verharrt. Aber das gilt auch für die klassische Sozialarbeit. Auch sie steht in diesem Spannungsfeld, bringt berufsethische Grundsätze und Haltungen ein. Kirche ist – so vielfältig sie als Volkskirche auch ist – eine Wertegemeinschaft und kann sich als solche bei bestimmten Themen – beispielsweise in der Flüchtlingshilfe – stärker engagieren und exponieren. Das anwaltschaftliche Handeln ist wichtiger Teil der Sozialen Arbeit – erst recht in der Kirche.

Diakonie ist nicht nur politisch, sondern oft auch Ausdruck einer Glaubenshaltung. Ist es aus Ihrer Sicht ok, wenn Diakone diese Haltung sichtbar machen?
Kein Diakon soll aus seinem Herz eine Mördergrube machen. Man darf seinen Glauben, seine Werthaltungen spüren. Ein grosses Aber: Diakonie sollte keine missionarische Schlagseite entwickeln. Da bin ich allergisch. Es ist nicht Teil der Diakonie, Glaubensgrundsätze zu vermitteln. Der Glaube soll Stütze und Rückhalt sein für die schwierige Arbeit, die der Sozialdiakon, die Sozialdiakonin verrichtet. Etwas anders sieht es aus, wenn man spürt, dass Menschen spirituelle Begleitung suchen. Dann kann auch ein Sozialdiakon Seelsorge anbieten oder vermitteln. Aber es muss für beide Seite stimmen. Sich selber und seinen Auftrag immer wieder zu reflektieren, gehört in diesem Sinn immer auch zu den Kompetenzen professioneller Diakonie.●

Urs Frey war bis vor kurzem Studienleiter und Dozent an der Zürcher Hochschule für angewandte Wissenschaften ZHAW und Co-Leiter des Nachdiplomlehrgangs «CAS Diakonie – Soziale Arbeit in der Kirche». Nach seiner Pensionierung arbeitet er als Mitglied der Arbeitsgruppe Grundlage und Forschung von «Diakonie Schweiz» und ist Mitglied der Stadtzürcher Kirchenkreiskommission sieben und acht.