Message

Weihnachten war schon immer anders

Radioprediger Johannes Bardill über verblüffte Hirten, einen Erlöser in Windeln und eine Weihnachtsbotschaft, die alles Schwere in den Schatten stellt.

Wie wird Weihachten für Sie dieses Jahr?
Ganz anders als sonst. Ich bin wegen einer Hüftoperation bis Ende Jahr krankgeschrieben. Für einmal also keine Gottesdienste, keine Predigten – nur ein paar Weihnachtsbriefe. Meine nächste Radiopredigt ist erst am Neujahrstag.

Mögen Sie trotzdem über Weihnachten nachdenken? Und darüber, wie es gelingt, die Weihnachtsbotschaft in diesem krisengeschüttelten Jahr zu verkünden?
Ich würde mir wünschen, dass es gelingt, das Weihnachtsevangelium auf eine unerwartete und fantasievolle Art zu verkünden. Das Lukasevangelium selbst gibt hierzu viele gute Anklänge.

Zum Beispiel?
Denken Sie an die Hirten. Die hatten nun ja wirklich nichts Feierliches geplant. Das Weihnachtswunder erfasste sie trotzdem ganz überraschend. Und dann machten sie sich in ihrer Freude selber auf und erzählten überall weiter, dass der Erlöser geboren ist. Weihnachten heisst immer auch, dass man nicht die gewohnten Wege gehen kann, dass gewisse verschlossen sind, aber ganz neue sich öffnen.

Verschlossen wird uns durch die Pandemie einiges in diesem Jahr…
Ja. Auch unser Kirchgemeindeleben ist von Absagen geprägt. Wie oft hatte ich als Redaktor unserer Gemeindeseite Texte zu bearbeiten, die mit den Worten begannen: «Wegen Corona wird dies und das abgesagt…» Umgekehrt heisst es bei Lukas: «Und sie gebar ihren ersten Sohn und wickelte ihn in Windeln und legte ihn in eine Futterkrippe.» Erst dann kommt «... denn in der Herberge war kein Platz für sie». Das Wunder passiert, obwohl es keinen Platz hat.

Das Schwere rückt in den nachgeschobenen Nebensatz…
Genau. Wir sollten versuchen, diesen Umkehrmoment für die diesjährigen Weihnachten zu suchen. Diese Weihnachtsfreude wird und muss einen Weg finden – gerade dieses Jahr. Wenn wir momentan vielleicht das Gefühl haben, das habe auch in unserem Herz keinen Platz, glaube ich doch, dass diese Freude den Weg zu uns finden wird – auch durch Masken und Intensivstationen.

Die Geburt Jesu spielt sich – davon erzählt vor allem auch der Evangelist Matthäus – vor düsterer Kulisse ab: Flucht, Verfolgung, Massaker – was sagt uns das?
Diese bedrohliche Lage gehört zu Weihachten dazu. Und hier zeigt sich wiederum die Kraft dieser Geschichte: Die Bedrohung des Lebens gehört von Anfang an dazu, und trotzdem bricht es sich Bahn.

Sie erholen sich gerade von einer Hüftoperation – waren tagelang ans Bett gebunden. Inwiefern ändert das Ihre Perspektive?
Ich möchte nicht dramatisieren. Das war ein geplanter Eingriff und hat nichts von einem Schicksalsschlag. Aber was einem halt stärker bewusst wird, ist die Vergänglichkeit des Lebens, auch das Angewiesensein auf Hilfe von anderen. Dass das Leben nur spielt, wenn man sich gegenseitig wahrnimmt, sich gegenseitig hilft. Auch das scheint in der Weihnachtsgeschichte auf.

Wie das?
Das Zeichen des Messias, des Erlösers sind die Windeln. Das kommt sogar zweimal vor bei Lukas. Windeln sind ein Zeichen von Hilfsbedürftigkeit, man zieht sie sich ja nicht selber an. Mit anderen Worten: Dort, wo Menschen einander pflegen, wo sie auch die Schwächen des Gegenübers wahrnehmen, geschieht Weihnachten.

Wie hat sich Ihr persönlicher Zugang zur Weihnachtsgeschichte verändert – was spielt die Biografie für eine Rolle, wie man eine Geschichte versteht?
Als ich im Studium war, zeichnete sich in Rumänien ein Wechsel nach dem Ceaușescu-Regime ab. Es war eine gespannte Lage, vergleichbar mit der Situation heute in Weissrussland. Das hat mich damals sehr beschäftigt – und ich war enttäuscht, als im Weihnachtsgottesdienst mit keiner Silbe die schwierige Lage des Volkes und die Solidarität, die wir damals spürten, aufgenommen wurden. Und dann gab es eine Zeit, in der ich mich dagegen sträubte, dass bei Kinderweihnachtsfeiern alles Bedrohliche ausblendet wird, das zu dieser Geschichte gehört. Diese Geschichte funktioniert gerade auch in den dunkelsten Stunden der Weltgeschichte.

Ist es diese Vieldeutigkeit und Aktualität der Weihnachtsgeschichte, die man in einer Predigt herausarbeitet?
Wenn es gelingt, dass diese Geschichte eine neue Wahrnehmung der Wirklichkeit ermöglicht, quasi in meine Erfahrungswelt eindringt, dann ist das berührend. Ich habe das selber auch immer wieder erlebt. Diese Kraft, immer wieder neu zu überraschen und zu bewegen, hat die Weihnachtsgeschichte.

Damit das in einer Predigt gelingt, braucht es eigentlich auch den Austausch mit den Mitfeiernden. Wie kriegt man diesen Draht zu den Hörerinnen und Hörern am Radio?
Das ist eine Herausforderung. Es sind ja unglaublich viele Menschen, die eine Radiopredigt hören. Rund 100 000. Eine Quote, die seit Jahren so hoch ist. Daraus kann man schliessen, dass es doch gelingt, diese Verbindung herzustellen.

Aber wie machen Sie das?
In der Ausbildung zum Radiopredigeramt lernt man, damit umzugehen. Man muss sich bewusst sein, dass es nicht jeden Sonntag gelingt, alle anzusprechen. Es hilft, wenn man sich ein Gegenüber vorstellt: zum Beispiel eine Familie, die mit dem Auto unterwegs zum Skifahren ist und zufällig die Predigt hört. Ich hoffe dann, dass es mir gelingt, dass die Familie auf dem Parkplatz noch im Auto sitzen bleibt und die Predigt zu Ende hört.

Was soll diese Familie von Ihrer Predigt mitnehmen? Wollen Sie aufrütteln, erklären, trösten, ermutigen?
Es wäre schön, wenn die Familienmitglieder ihr Auto, gestärkt durch meine Worte, mit einem Schmunzeln verlassen. Ich würde ihnen gern seelischen Proviant mitgeben, an den sie sich auf der Heimfahrt nochmals erinnern. Und vielleicht auch einen Anstoss, selber aktiv zu werden.

Für eine Radiopredigt kriegt man 10 Minuten? Ein gutes Mass?
Das ist eine Knacknuss. Im Gottesdienst predige ich frei, ohne ausformuliertes Manuskript. Das geht am Radio nicht. Aber ich möchte auf erzählerische Art der Bibel möglichst viel Platz von der zur Verfügung stehenden Zeit einräumen.


Johannes Bardill ist seit 2002 Pfarrer in der Kirchgemeinde Horgen und seit 2019 im Radiopredigt-Team auf SRF. Der 54-jährige gebürtige Bündner ist Vater dreier erwachsener Kinder und wohnt mit seiner Frau im alten Pfarrhaus im Hirzel.