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Reformation mit Ausstrahlung

Tausende von Briefen: Die Reformatoren knüpften im 16. Jahrhundert ihr Netzwerk in ganz Europa. Federführend: Zürich und der Zwingli-Nachfolger Heinrich Bullinger. Von Madeleine Stäubli-Roduner

«Zürich hat es Heinrich Bullinger zu verdanken, dass es im 16. Jahrhundert von einem relativ unwichtigen Ort zu einer international bedeutenden Stätte wurde – dies dokumentieren die zahlreichen Briefe von und für Zwinglis Nachfolger», sagt Reinhard Bodenmann, Leiter der Bullinger-Briefedition am Institut für Schweizerische Reformationsgeschichte an der Uni Zürich. Der Reformator habe sich nicht nur mit seiner ausgeprägten brieflichen Korrespondenz nach halb Europa einen Namen gemacht. Seine Bibelkommentare seien etwa in Italien gern gelesen worden, und in seiner Zürcher Wohnstätte habe er sich als zuvorkommender Gastgeber erwiesen. Durch dieses Wirken habe Bullinger Bekanntheit erlangt und gleichzeitig das nach der Kappeler Niederlage von 1531 angeschlagene Image von Zürich aufgewertet.

10 000 Briefe erzählen vom Alltag

Solche und unzählige weitere Erkenntnisse gibt das Briefmaterial aus dem 16. Jahrhundert frei. Dessen Dimensionen sind riesig: Aus einer Zeit grosser politischer Umwälzungen sind durchschnittlich 4,5 Briefe, manchmal sogar bis zu 12 Briefe pro Woche erhalten geblieben. Aus der Sammlung hat das Editionsteam in den vergangenen neun Jahren 1000 Briefe in gedruckter und elektronischer Form ediert. 9000 Briefe warten noch auf ihre Bearbeitung.

Fake News aufdecken

Jede Epistel hält Überraschungen bereit, die gängige Vorstellungen, wie etwa über die Kluft zwischen Reformierten und Katholiken, auf den Kopf stellen und differenziertere Verhältnisse aufzeichnen, die so nicht Eingang in die Geschichtsbücher gefunden haben. «Von Anfang an unterlag unser Projekt keinerlei Zensur», sagt Bodenmann. So dürfe man etwa in kritischer Offenheit darlegen, dass der Taktiker Bullinger im Dienst der Verständigung durchaus lügen konnte. «Uns liegt eine der ergiebigsten Quellen Europas für das 16. Jahrhundert vor.» Denn nicht nur akademisch Gebildete hätten sich brieflich mit dem Zürcher ausgetauscht, sondern auch viele im Alltagsleben verwurzelte Menschen. Eine derart vielfältige Quelle sei ein Glücksfall für Historiker, da sie neuartige Zugänge zu einer von Umwälzungen geprägten Epoche erlaube.

Zudem sei die damalige politische Entwicklung mit dem Verständnis der religiösen Fragen eng verknüpft gewesen. In einer Phase religiös-politischer Spannungen habe sich Bullinger mit politischen Nachrichten an Staatsmänner wie etwa an einen Strassburger Ratsherrn gewandt. Rege habe er sich mit Bekannten in Konstanz, Ulm, Augsburg, Marburg, Heidelberg, Bern, Genf und Basel ausgetauscht, Kritik gegenüber Kaiser Karl V. oder dem Schmalkaldischen Bund geäussert und sich Flüchtlingen, wie dem schottischen John Hooper, angenommen. Schon seit 1538 und besonders unter König Eduard VI. und Königin Elisabeth I. von England seien Bullingers Schriften auch auf Englisch übersetzt worden.

Bullinger taktiert

Der Zürcher Theologe habe stets als kluger, pragmatischer Taktiker agiert, der die zahlreichen Gäste in Zürich freundlich empfing und seine Gegenüber mit Geschenken oder Ehrenbezeugungen milde stimmte. Mit seiner Entspannungshaltung habe er zur Ausstrahlung von Zürichs Gedankengut beigetragen. «Nicht zuletzt diesem diplomatischen Geschick ist es zu verdanken, dass in der Schweiz kein Glaubenskrieg ausbrach», sagt Bodenmann. «Bullinger war weitsichtig und bemüht, den Ruf Zürichs bis in die Ferne zu fördern.» Die ersten Früchte seines Wirkens als Kommunikator, Gutachter und Bibelkommentator habe Bullinger noch erlebt. «Er trug massgebend zum heutigen internationalen Renommee der Stadt an der Limmat in der reformierten Welt bei.»

Briefe zum Sprechen bringen

Von der Bearbeitung dieses umfangreichen Briefwechsels schrecken viele Historiker zurück. Die oft schwer leserlichen Handschriften wie auch das in diesen Briefen verwendete Latein oder das vertrackte Frühneuhochdeutsch stellen grosse Hausforderungen dar. «Es ist eine Arbeit, die enorm viel Know-how voraussetzt und Geduld abverlangt, um diese für uns heute nicht mehr zugänglichen Quellen wieder aussagekräftig zu machen», sagt Bodenmann, der sich mit zwei Mitarbeiterinnen täglich von morgens bis abends mit den Briefen befasst. Wöchentlich ediert das Team drei bis vier Briefe, die eine Vielfalt an sozialen Verhältnissen und zwischenmenschlichen Beziehungen aufdecken. Mentalitätsgeschichtlich erweise es sich immer wieder als eindrücklich, «wie ähnlich die Menschen von damals den heutigen waren».

Seit einiger Zeit drückt das Team eine grosse Sorge: Die Landeskirche und der Nationalfonds als langjährige Sponsoren des akribischen Edierens werden in absehbarer Zeit ihre Unterstützung beenden. Bevor die Zeit davonrennt, will Bodenmann die Öffentlichkeit und mögliche Geldgeber vom grossen Potenzial der Bullinger-Briefe für die Geschichte, Sprachwissenschaft und Theologie überzeugen. Und noch liegen ja Tausende Briefe unberührt im Staatsarchiv, die so viel zu erzählen hätten...