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Dialogue en route: Milchsuppe und Kichererbsen

Über Religionen diskutiert man besser in Wanderschuhen. Das ist das Konzept von «Dialogue en route». Yousuf, Omar und eine Konfklasse aus Bonstetten haben es ausprobiert. Von Christian Schenk
Doch, er wolle reich sein, sagt Yousuf. Warum auch nicht? Dagegen sei auch aus religiöser Sicht nichts einzuwenden. «Reichtum bedeutet Freiheit, Unabhängigkeit», bekräftigt der Wirtschaftsstudent in perfektem Hochdeutsch, das er sich in wenigen Jahren seit seiner Ankunft in der Schweiz beigebracht hat. Er habe in Kabul gesehen, wie die Armut in Abhängigkeit führe. Er aber wolle sein Leben selber gestalten.
Diese Ansicht teilen auch zwei angehende Banker in der auffallend jungen Wandergruppe, die auf einer Wiese unweit des Klosters Kappel zusammensteht.
«Gern auch ein Haus am See», oder «Reisen, um die Welt kennenzulernen», und dazu brauche es nun mal den eigenen wirtschaftlichen Erfolg, sagen
die Konfirmanden in die Runde. Sie sind aus Bonstetten, ticken in diesem Punkt aber ähnlich wie der junge Mann aus Afghanistan. Die Diskussion geht
weiter, andere Positionen zum Thema Reichtum werden ausgetauscht, Lebenspläne und Wertorientierungen werden zur Sprache gebracht. Dann marschieren die elf Konfirmanden, die Pfarrerin und Yousuf aus Afghanistan und Omar aus dem Sudan weiter durch die Matten auf die Hoch- und Reihenhäuser der boomenden Agglomeration Zug zu.
Welche Werte sind uns wichtig?
Die Gruppe unter der Führung von Reto Bühler, Erlebnispädagoge und Kursleiter im Lassalle-Haus, kennt sich in dieser Zusammensetzung seit knapp
zwei Stunden. Die Exkursion steht im Zeichen von «Dialogue en route», eines Projekts zur Förderung von Kompetenzen im Umgang mit religiöser und
kultureller Vielfalt (siehe Kasten). Getroffen hat man sich beim reformierten Kloster Kappel und wandert an diesem Tag von Zürich über die Kantons-
und Konfessionsgrenze ins jesuitisch geprägte Lasalle-Haus in Edlibach. Dazwischen streckt die Gruppe immer wieder die Köpfe zusammen, tauscht
sich aus über die Themen, die Reto Bühler anspricht: Was sind Werte, die uns die Eltern mitgegeben haben? Wie wichtig ist Religion in unserer Familie?
Wie lebten die Grosseltern den Glauben und wie tun wir das heute?

Wie habt ihrs mit Bildern?
Nicht immer kommt das Gespräch leicht in Gang: Wie die Klosterkirche wirke, dazu kommen am Morgen nur sparsame Voten. Dafür haben die
Jugendlichen Zeit, den lichtdurchfluteten Chor und das Chorgestühl aus dunklem Holz auf sich wirken zu lassen. Auf Vorschlag von Pfarrerin Susanne
Sauder testet man später die Akustik des 800-jährigen Gebäudes mit einem gemeinsam gesungenen oder gebrummelten Kumbaya my Lord. Mit Blick
auf die Glasfenster kommt die Gruppe dann auf den Umgang mit Bildern zu sprechen. Die Pfarrerin erzählt, dass die Reformierten im 16. Jahrhundert
Kunstwerke und Bilder aus der Kirche verbannten, derweil sie in katholischen Kirchen bis heute geschätzt werden. Omar und Yousuf ergänzen, dass
Bilder in Moscheen ebenfalls keinen Platz haben und die heiligen Räume gerade deshalb so viel Kraft und Weite ausstrahlten. Warum das so ist und ob das gut ist, das vertieft die Gruppe nicht im Plenum. Man bricht bald wieder auf und wer Lust hat, diskutiert später unterwegs mit Kolleginnen aus der Konfklasse oder fragt nach bei Yousuf oder Omar.
Schlachtfeld der Religionen
Dass die unterschiedlichen Sichtweisen in religiösen Fragen einst und heute für Konflikte und blutige Kriege sorgten, davon ist auf der heutigen Wanderoute dann später die Rede. Wo die religiös gemischte Gruppe heute unbeschwert plaudernd über Land zieht, formierten sich vor knapp 500 Jahren
die verfeindeten reformierten und katholischen Truppen. Sie einigten sich erst kurz vor dem Losschlagen bei einer legendären Milchsuppe – und
gingen später im zweiten Kappeler Krieg dann doch noch mit Hellebarden und Schwertern aufeinander los. Reto Bühler erzählt die Geschichte lebendig,
erinnert an die Menschen, die hier zu hunderten ihr Leben liessen. Er schafft Bezüge zur Gegenwart und fordert die Jugendlichen bis am Abend mit
Fragen und einer stattlichen Anzahl Leistungskilometern. «Zu anstrengend», hiess es dann bei einigen Jugendlichen in der Schlussrunde, aber oft auch
«spannend, nice» und «viel Neues gelernt». Eine Konfirmandin streicht den Zusammenhalt der zusammengewürfelten Gruppe heraus. Das gemeinsame
Mittagessen, habe einiges dazu beigetragen: Alle haben ihren Proviant aus dem Rucksack zu einem grossen Buffet aufgebaut. Salami und Kichererbsen-
Hummus, Greyerzer und Pommes Chips.Kulturelle Vielfalt und Neuentdeckungen, persönliche Vorlieben und Grüsse aus nahen und fernen Küchen.
So lernt man sich kennen und schätzen.

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Dialogue en Route
ist eine Initiative der Interreligiösen Arbeitsgemeinschaft in der Schweiz. Zahlreiche Institutionen, Guides und freie Mitarbeitende
sind beteiligt und wollen die religiöse und kulturelle Vielfalt mit jungen Menschen auf Exkursionen entdecken.
www.iras-cotis.ch