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Im Karton übernachten

Mit «Nacht ohne Dach» – Jugendliche sensibilisieren

rod. «Die Nacht war megalang und hart, es war laut, unbequem und alle hatten ganz wenig Schlaf. Die Stimmung ist trotzdem super, alle haben durchgehalten und auch Spass gehabt.» Der Blogeintrag von der «Nacht ohne Dach» im Sommer 2018 in Oetwil am See mutet eindrücklich an. Trotz Gewitter und Nässe verbrachten rund zehn Jugendliche der 6. und 7. Klasse eine Nacht in selbstgebauten, mehr oder weniger stabilen Kartonhäusern auf dem Platz vor dem Gemeindehaus. Die Motivation? «Wir möchten die Menschen aufmerksam machen auf die Armut in den Slums», so die Jugendlichen. «Die Slums sind weit weg, man sieht sie nicht. Wir möchten sie mit unserer Aktion sichtbarer machen.» Zuvor hatten sie persönliche Sponsoren angeworben und am Abend selbstgemachte Schinkengipfel sowie Cocktails verkauft, um schliesslich sämtliche Einnahmen den Slumkindern von Lima zu spenden.
Hinter dem «Programm, das dir den Schlaf raubt» steht die Organisation TearFund Schweiz, die Jugendlichen dadurch ermöglichen will, «die Realität des Lebens als Slumkind ein Stück weit nachzuvollziehen». Sie ermutigt Kirchgemeinden, für Konfklassen und Jugendgruppen eine Nacht ohne Dach durchzuführen und bringt sich vor Ort mit Praxistipps, Werbe- und Sponsoringmaterial sowie einer informativen Sensibilisierungspräsentation ein. Ein Drehbuch bietet zudem schrittweise Anleitungen und alle nötigen Informationen über Kartons oder Bewilligungen. Sämtliche Einnahmen fliessen in das Berufsbildungsprojekt von TearFund in Peru, das Jugendliche aus dem Hochland gezielt und praktisch schult und fördert.


Den Widrigkeiten getrotzt
Für ihr Projekt brachten die rund zehn Oetwiler Jugendlichen dank Sponsoren und Gipfel-Verkauf stolze 1460 Franken zusammen. Dabei belegen ihre Fotos eindrücklich, wie zäh das Erstellen der Schlafstätten, wie garstig die nächtlichen Stunden und wie instabil die improvisierten Hütten im Gewitterregen waren. Trotz aller Widrigkeiten hielten die Jugendlichen durch und erlebten dabei die Stärke des Miteinanders: «Die Gemeinschaft und der Zusammenhalt waren riesig und toll, man half sich gegenseitig, teilte das Kartonhaus, erlebte den Anlass gemeinsam.»
Die Oetwiler Jugendlichen blieben nicht die Einzigen, die in Kartons übernachteten. Auch in den reformierten Kirchgemeinden von Turbenthal und kürzlich in Weiningen verbrachten Jugendliche eine Nacht in Kartonhütten; weitere Kirchgemeinden haben sich angemeldet. In der Kirchgemeinde Weiningen bildete die Nacht Teil des 7.Klass-Untis, berichtet Sozialdiakonin Sarah Aemisegger. Die Jugendlichen hätten sich sehr auf das Programm eingelassen, und dies bei widrigen Wetterverhältnissen. «Ich habe den Anlass trotz starken Regens über das ganze Wochenende sehr gut erlebt», sagt sie.
Interessierten Kirchgemeinden rät sie, frühzeitig mit der Organisation anzufangen, da man viel Karton brauche. Besonders geeignet seien etwa Kartonschachteln von Velogeschäften. Wichtig sei zudem, die Teilnehmenden genug früh über die Nacht ohne Dach zu informieren. «Wir haben es nun zum ersten Mal gemacht und noch im alten Schuljahr an einem Grillanlass informiert», berichtet sie. Wenn jedoch die Eltern von der Sache nicht überzeugt seien, werde es schwierig. Zudem seien gute Beziehungen zu den politischen Gemeinden sehr hilfreich, um einen interessanten und öffentlichkeitswirksamen Standort für die Nacht ohne Dach zu bekommen.●
Interessierten Veranstaltern steht TearFund Schweiz bei der Organisation mit Rat und Tipps zur Seite. Weitere Informationen unter info@nachtohnedach.ch