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Was wir uns wünschen? Ein Daheim!

Eine warme Mahlzeit und Gemeinschaft – das Team der Sunestube unterstützt bedürftige Menschen Tag und Nacht.

Von Madeleine Stäubli-Roduner

Ein eiskalter Januartag, kurz vor 6 Uhr morgens. An der Ecke Militärstrasse/Langstrasse harrt eine Schar fröstelnder Menschen auf Einlass. Um Punkt 6 öffnet sich die Tür der Sunestube, um ihre Gäste zu bewirten. Die Gastgeber, ein Team von Festangestellten, Zivis und Freiwilligen, haben sich bereits eine halbe Stunde zuvor eingefunden, um Kaffee zu kochen und Brot aufzubacken. «Was wünscht Ihr Euch für 2021?», heisst es auf einer Schiefertafel an einer Tür. «Ein Daheim», hat jemand notiert. Und das finden die Eintretenden in der warmen Stube, wo ihnen an zugewiesenen Plätzen ein feines Frühstück serviert wird. «Aufgrund der coronabedingten Massnahmen hat sich bei uns einiges beruhigt», berichtet Christine Diethelm, Leiterin Sunestube und Gassenarbeit beim Sozialwerk Pfarrer Sieber (SWS). Statt 20 Personen in einem Raum unterbringen zu müssen, werden heute in zwei Räumen an vier Tischen je vier Personen platziert. Das entspanne vieles, sagt die Leiterin.

Die Gäste

Sie und ihr Team sehen alle Besuchenden in erster Linie als Gäste auf Augenhöhe. Ein Kaffee und ein Stück Brot decken Grundbedürfnisse ab und bilden gleichzeitig einen «hervorragenden Rahmen», um unkompliziert miteinander ins Gespräch zu kommen. Warum ein Gast hier ist, im Gassencafé? Welcher Rucksack sie oder ihn drückt? Dies erfahren die interessiert, aber stets behutsam kommunizierenden Gastgeber manchmal beim ersten Gespräch, oft jedoch gar nie. Was einzig zählt: «Die Menschen kommen in Gemeinschaft und wir nehmen sie auf.»

Denn die Sunestube «ist ein Café, keine Beratungsstelle», sagt Christine Diethelm. Für finanzielle, soziale oder therapeutische Beratung verweist sie auf entsprechende Anlaufstellen; bei Themen wie Beziehungsknatsch, Verlusten oder Ängsten hingegen ist ihr Team zur Stelle. Dabei hält es keine raschen Lösungen bereit, sondern unterstützt und ermutigt zur Selbständigkeit, etwa bei der Suche nach Arbeit oder einer Wohnung. Neben Mahlzeiten, Gesprächsangeboten und niederschwelliger administrativer Unterstützung bietet das Team zudem Schlafsäcke, Aussenhüllen, Mätteli und Zelte an. «Wir vermitteln ihnen: Du bist ein vollwertiger Teil dieser Gesellschaft, an deren Rand Du Dich bewegst!», sagt die Leiterin.

Wer sind die Gäste, die das Gassencafé aufsuchen? Es sind zu 70 Prozent Männer, mehrheitlich zwischen 35 bis 55 Jahre alt, häufig ohne geregelten Aufenthaltsstatus, viele aus lateinamerikanischen oder osteuropäischen Staaten oder aus Deutschland. Die Arbeitsmigranten auf schwieriger Jobsuche werden an die Sozialarbeitenden des Brot-Egge in Seebach weitergewiesen. «Unser spezifisches Zielpublikum sind Menschen mit Suchthintergrund wie Alkohol oder Drogen oder mit psychischen Problemen und Obdachlose», sagt Christine Diethelm. Sie alle suchen die wärmende Gemeinschaft und fühlen sich wohl in den Räumlichkeiten der familiären Anlaufstelle.

Das Essen

Diese schliesst um 11 Uhr ihre Türen, damit das Team aufräumen, putzen und das Mittagessen vorbereiten kann. Das Essen kommt direkt aus der Grossküche des von Pfarrer Sieber gegründeten Christuszentrums, das seine Lebensmittel aus überschüssigen Beständen von Grossverteilern bezieht. Verwertung statt Verschwendung, lautet die Devise ihrer Lebensmittelabgabestelle Reschteglück. «An Essen gibt es in Zürich keinen Mangel», sagt Christine Diethelm. Zwar bilden sich seit Beginn der Coronazeit auch über Mittag kleinere Warteschlangen, aber stets erhalten alle 50 bis 60 Interessierten ein vollwertiges Menu. Um 14.30 Uhr ist die Mittagszeit zu Ende, das Lokal schliesst.

Die Gemeinschaft

Ein gefüllter Magen erhöht die Bereitschaft zu gemeinsamen Aktivitäten. Das Gassencafé bietet in normalen Zeiten an einzelnen Nachmittagen zwischen 15 und 18 Uhr soziale Teilhabe, indem die Gäste etwa Dekorationen und Geschenke basteln, gemeinsam singen oder miteinander sogar Ausflüge in den Zoo oder zum Minigolf unternehmen. Das Fehlen dieser Gemeinschaftserlebnisse schmerzt, noch schwerer wäre jedoch ein Schliessen der Lokale wie im Frühling zu verkraften, bemerkt die Leiterin.

Damals legten Pfuusbus, Sunestube und Brot-Egge ihre Kräfte zusammen und eröffneten bereits eine Woche nach dem Shutdown den «Pfuusbus 24/7» mit riesigem Zelt und Gastronomiebetrieb in drei Schichten. Das Projekt konnte sogar bis Mitte Mai verlängert werden, danach durften alle Anlaufstellen wieder öffnen. Weitere grössere Veränderungen hat die Sunestube coronabedingt nicht zu verzeichnen: «Wir sind für Menschen da, die schon vor Corona im Sozialsystem waren oder einen ungeregelten Aufenthaltsstatus haben», sagt Christine Diethelm.

Die Gassenarbeit

Sie sucht mit ihrem Team diese Menschen auch aktiv auf der Strasse auf, spricht sie an und ermutigt sie zum Besuch im Café, wo es gegen Abend noch Suppe und Snacks von der Essbar gibt. Einige reagieren etwas betupft, andere sind froh, angesprochen zu werden. «Wir halten die Augen offen und respektieren alle», sagt die Leiterin. Die Gassenarbeit, einst beim Pfuusbus angesiedelt, ist heute ein wichtiger Tätigkeitsbereich der Sunestube. Von den neun Festangestellten sind vier aufsuchend tätig, die immer auch im Café mitwirken. Die Mitarbeitenden haben diakonische Ausbildungen oder sind gelernte Sozialbegleiter, eine Pflegefachfrau ergänzt die berufliche Vielfalt. Die unterschiedlichen Herangehensweisen innerhalb des Teams seien ein grosser Gewinn, sagt die Leiterin, die ihrerseits eine Coaching-Ausbildung absolviert hat und jahrelange Erfahrung in der Entwicklungszusammenarbeit mitbringt. Da sie Teil «von etwas Grösserem» sein wollte, stieg sie vor sechs Jahren beim Sozialwerk Pfarrer Sieber ein.

Die Beziehungsarbeit drinnen und draussen erfreut sie. «Im Gespräch den Herzschlag des Gegenübers zu spüren, das beglückt mich», sagt sie. Es sei mit besonderer Verantwortung verbunden, im Vertrauen an Lebensgeschichten teilzuhaben und mit Hilfestellungen Leid zu lindern. Sie führt Gespräche mit Menschen, die nicht lesen können, ebenso aber mit Hochschulabsolventen in Nöten. Meist erlebt sie ihre Gäste dankbar und konstruktiv, aber es kann vorkommen, dass Betrunkene aggressiv werden. In sehr seltenen Fällen muss die Polizei gerufen oder ein Hausverbot ausgesprochen werden.

Die Kältepatrouille

Um 19 Uhr gehen in der Sunestube die Türen für alle zu, das Team der Tagschicht wird um 19.30 Uhr heimgehen. Für Christine Diethelm ist der Arbeitstag heute noch nicht beendet. Bald heisst es jene Obdachlosen zu suchen, die auch im Winter den Notschlafstellen fernbleiben. Für sie steht ein Team von insgesamt 20 Freiwilligen bereit, die so genannte Kältepatrouille. Diese trifft sich mehrmals pro Woche um 22.30 Uhr im Pfuusbus, fährt mit dem Auto in verschiedene Stadtquartiere und sucht zu Fuss mit wachen Sinnen nach Menschen, die am Waldrand, an Busendhaltestellen oder unter Brücken in eisiger Kälte übernachten. Vielleicht nehmen sie eine Jacke oder ein warmes Getränk an oder sind sogar bereit mitzukommen und ein freies Plätzchen im Pfuusbus zu belegen.

3 Uhr nachts. Die Tour der Kältepatrouille geht zu Ende, ihr Marsch durch die nächtlichen Quartiere hat sich über mehr als zehn Kilometer erstreckt. Christine Diethelm war für heute lang genug auf Achse, sie fährt durch die leeren Strassen heim. Vermutlich liegen irgendwo da draussen noch in alte Wolldecken gehüllte Menschen ohne Daheim.

In weniger als drei Stunden werden sich an der Ecke Militärstrasse/Langstrasse wieder Warteschlangen mit Menschen bilden, die es kaum erwarten können, bis die Frühschicht der Sunestube den dampfenden Kaffee serviert.●


Für Menschen am Rand

Neben der Sunestube gibt es weitere Institution, die sich um Bedürftige auf der Gasse kümmern:

  • Die Zürcher Stadtmission hält ihre Angebote ebenfalls aufrecht: Dazu gehören das Café Yucca an der Häringstrasse mit Verpflegung und Sozialberatung sowie die Beratungs stelle Isla Victoria in Zürich und Winterthur für Personen im Sexgewerbe.
    stadtmission.ch
  • Auch der ökumenisch ausgerichtete Verein Incontro, gegründet von Schwester Ariane Stocklin, ist im Zürcher Langstrassenquartier aufsu chend unterwegs. Seit Beginn der Corona-Krise verteilt ein Freiwilligenteam jeden Abend rund 250 warme Mahlzeiten an Bedürftige. Im Lokal Primero finden Menschen einen Ort, wo sie auftanken können. Die Aktion «Broken Bread» wird neben Privat personen und Service-Clubs auch von Zürcher Pfarreien und Kirchgemeinden unterstützt.
    incontro-verein.ch
  • Weitere Beratungsstellen und Hilfs- und Seelsorgeangebote finden Sie gesammelt auf unserer Website:
    zhref.ch/wenn-beten-alleine-nicht-reicht