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Wie Gott ins "hehre Vaterland" kam

Über kaum ein Lied wird hierzulande mehr gezankt als über den Schweizerpsalm.

Trittst im Morgenrot daher 

Über kaum ein Lied wird hierzulande mehr gezankt als über den Schweizerpsalm. Dabei wollten damit einst ein reformierter Zürcher und ein katholischer Mönch aus dem Aargau den nationalen Frieden herbeisingen. Fast wäre es gelungen.
Von Christian Schenk

Niemand hätte es dem Mönch aus Wettingen verübeln können, wenn er das Gedicht mit der Anfangszeile «Trittst im lichten Morgenrot daher» eher hochkant als «hocherhaben» in den Papierkorb befördert hätte. Pater Alberich Zwyssig hätte nämlich gerade jetzt, 1841, sticksauer sein können auf einen Gelegenheitsdichter aus dem protestantischen Zürich, der die Zeilen vom «Strahlenmeer» und dem Aufruf zum Gebet für «freie Schweizer» geschrieben hatte, die nun auf seinem Pult zur Vertonung gelandet waren.
Wie käme denn ein katholischer Geistlicher wie Zwyssig dazu, gerade in den kulturkämpferischen 1840er-Jahren diese hochtrabenden Zeilen mit Musik zu unterlegen, die ein «hehres Vaterland» besangen, das nie und nimmer so gebaut war, dass ein katholischer Ordensmann wie er sich darin heimisch fühlen konnte? Schliesslich war Pater Alberich, gebürtiger Urner und langjähriger Kapellmeister im Kloster Wettingen, zusammen mit allen anderen Ordensleuten vor wenigen Monaten aus seinem Konvent vertrieben worden; und zwar von jenen reformierten Liberalen, die im Aargau und in Zürich seit Kurzem das Sagen hatten, und zu dessen Gesinnungsgenossen man – bei aller Freundschaft – auch jenen Texter namens Leonhard Widmer mit seinem Lithografie- und Musiknotenlädeli im Zürcher Niederdorf zählen konnte.
Pater Alberich aber entschied sich nicht für das Naheliegende. Er schob den Papierkorb beiseite und zückte stattdessen aus seinem Fundus ein bereits komponiertes Stück, das zum Text Widmers passte. Er schrieb einige Zeilen um und brachte die fertige Hymne nach Rücksprache mit dem Autor an seinem Exilwohnsitz in Zug schon bald unter die Leute. Widmer tat es ihm in Zürich gleich. 120 Jahre später sollte diese Chorfassung – vorerst provisorisch und 1981 offiziell – zur Nationalhymne der Schweiz werden.

Harmonie im Kulturkampf

Warum sich die beiden politisch und konfessionell so unterschiedlich geprägten Männer damals auf das Gemeinschaftswerk einliessen, schreibt die Forschung (siehe Kasten) der persönlichen Freundschaft der beiden Männer und ihrer Liebe zur Musik und zum Chorgesang zu. Die beiden Männer begegneten sich in Widmers Musikverlag in Zürich immer wieder persönlich. Die Harmonie ihrer Freundschaft übertrug sich alsbald auch auf das Echo ihres Schaffens: Das Resultat ihrer Zusammenarbeit überzeugte dies- und jenseits des konfessionellen Grabens. Uraufgeführt wurde «Trittst im Morgenrot daher» in Zürich und Zug im November 1841, später mit Erfolg auch am ersten eidgenössischen Sängerfest in Zürich. Danach etablierte sich das Stück als fester Bestandteil des Standardrepertoires vieler Männerchöre in der Deutschschweiz, später dank Übersetzungen in die anderen Landessprachen in der ganzen Schweiz.

Wenig Lust aufs Vaterland

Dass es noch mehr als ein Jahrhundert dauerte, bis das Werk in den Rang einer Nationalhymne aufstieg, hatte mehrere Gründe. Zum einen feierte und besang die Bevölkerung den frisch gegründeten, aber konfessionell gespaltenen Bundesstaat erst zögerlich. Erst ab 1891 begann man in der Schweiz den 1. August als Nationalfeiertag zu feiern. 1899 verordnete der Bundesrat den Kantonen, an diesem Tag die Kirchenglocken zu läuten. Bis zur weitverbreiteten 1. August-Festkultur der Schweiz und damit der Möglichkeit, das «Vaterland» regelmäs­sig zu besingen, sollte es noch Jahrzehnte dauern. Zum anderen hatte der Schweizerpsalm, wie man die Co-Produktion von Zwyssig und Widmer nannte, noch Konkurrenz von einer anderen Hymne: «Rufst du mein Vaterland» (zur Melodie der britischen Hymne) war mit kriegslustigem Text fast bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts der bevorzugte Soundtrack der offiziellen Schweiz.

Der Weg ins Kirchengesangbuch

Auch die Kirchen trugen ihren Teil dazu bei, dass der Schweizerpsalm seine Popularität ausbauen und behaupten konnte. Namentlich die katholische Kirche sicherte dem Werk ihres Komponisten schon früh in den offiziellen Diözesangesangbücher ab den 1940er Jahren einen festen Platz zu. Schliesslich war das Stück von Pater Alberich Zwyssig einst als Offertorium – also als liturgisches Werk zur Gabenbereitung bei der Kommunion – komponiert worden.
Ins Evangelisch-reformierte Gesangbuch schaffte es das Werk viel später. Erst die Ausgabe von 1998 nahm «Trittst im Morgenrot daher» als Nummer 519 auf. Und auch dies mit eher verhaltenem Eifer. Im Ökumenischen Liederkommentar zum Kirchengesangbuch, das den Schweizerpsalm so ausführlich bespricht wie kein anderes im ganzen Repertoire, heisst es dazu vielsagend: «Ausschlaggebend für die Aufnahme in die Gesangbücher war, dass dieses Lied, obwohl es den sprachlichen und theologischen Qualitätskriterien der Gesangbuch-Revision nicht entspricht, als Landeshymne der Schweiz bei nationalen und (zivil-) religiösen Feiern seinen festen Platz hat.» Neben der Reverenz an den Staat sei die Aufnahme auch als ökumenisches Zeichen zu verstehen.

Bleibende Misstöne

Zwyssig und Widmer hätte dieser Entscheid gefreut. Der musikalische Brückenschlag über den politisch-konfessionellen Graben, den sie in stürmischer Zeit gewagt und besungen hatten, war damit auch kirchlich definitiv besiegelt.
In der Zwischenzeit hatten sich allerdings längst wieder andere Gräben geöffnet. Misstöne provozierte die Hymne beispielsweise im Nationalrat, als die Legislatur 2003 mit dem Singen des Schweizerpsalms eröffnet wurde und dies im Parlament zum Teil auf heftigen Widerstand stiess. Mit «betet, freie Schweizer» seien nur Männer angesprochen. Ausserdem sei es unzulässig, Gott für Politik in Anspruch zu nehmen. 2009 wurde die Hymne erneut zum Politikum. Eine Motion verlangte, die Nationalhymne sei künftig zu jedem Sessionsbeginn zu singen. Die Debatte war emotional, das Ergebnis knapp ablehnend. Man wolle keinen «Showpatriotismus», hiess es, und «die Schweizer lebten ihren Patriotismus leise». Dazu gab es – wen wunderts – laute Gegenstimmen.

Weisses Kreuz auf rotem Grund?
Bei allem Knatsch um den Schweizerpsalm: Auch eine neu getextete Fassung «Weisses Kreuz auf rotem Grund» zur gleichen Melodie hat sich noch nicht durchzusetzen vermocht. Initiiert wurde die Neufassung durch die Schweizerische Gemeinnützige Gesellschaft. Sie hat 2015 einen Künstlerwettbewerb durchgeführt. Der neue Hymnentext basiert auf der Präambel der Bundesverfassung von 1999. Nachlesen und nachhören auf: www.sgg-ssup.ch

Schweizerpsalm im Kirchengesangbuch
Der Ökumenische Liederkommentar (ÖLK) ist eine der Arbeitshilfen zum gemeinsamen Liederrepertoire des Katholischen Gesangbuchs (KG), des Evangelisch-reformierten Gesangbuchs (RG) und des Gebet- und Gesangbuchs der Christkatholischen Kirche der Schweiz (CG). Der ÖLK liefert musikgeschichtliche und theologische Hintergründe zu den rund 160 gemeinsamen Strophenliedern und beschäftigt sich auch umfassend mit «Trittst im Morgenrot daher». Der vorliegende Artikel beruft sich wesentlich auf die Befunde des ÖLK, die namentlich von Wolfgang Rothfahl, Christine Esser, Herbert Ulrich und Andreas Marti erarbeitet wurden. Ökumenischer Liederkommentar, 160 Kommentare in 6 Lieferungen mit 3 Ordnern (CHF 190). Theologischer Verlag Zürich, F. Reinhardt Verlag, 2001 – 2009.