Message

Gedanken zur ersten Lockerung von Kirchenratspräsident Michel Müller

Jederzeit seien deine Kleider weiss,
und an Öl auf deinem Haupt
soll es nicht fehlen.

(Prediger 9,8)

 

Liebe Mitarbeitende und Mitglieder von Behörden

Als ich hörte, dass als erstes Coiffeur-, Kosmetik und sogar Tattoo-Salons aufgehen sollten, dachte ich zunächst, das sei fast derselbe Witz wie das Hamstern von WC-Papier. Abgesehen von der wirtschaftlichen Problematik, die aber viele andere Läden ja auch haben: Was soll denn ausgerechnet an Schönheitssalons so wichtig, offenbar fast «systemrelevant sein»? Und doch war ich am Montag als einer der Ersten beim Coiffeur, neben einer alten Frau mit völlig zerzauster Frisur. Selbstverständlich mit Maske, sodass ich meine Coiffeuse gar nicht erkannte als eine Frau, die ich vor 12 Jahren verheiratet habe. Was für eine schöne Überraschung, und natürlich konnten wir dann über einiges sprechen. Während ich uns so im Spiegel sah, dachte ich (trotz Maske): Sind wir nicht Gottes Ebenbild? Und das Bild Gottes «schön machen» zu lassen, ist das nicht gar so etwas wie Gott zu loben? Jedenfalls war es schön, das zufriedene Gesicht der Dame mit den vordem zerzausten Haaren zu sehen, die sich wohl wieder etwas mehr wie ein Mensch fühlte. Lauter glückliche Menschen, die aus diesem Gottesdienst, pardon, Coiffeursalon hinausgingen...

Doch noch einmal kritisch: Müssten wir als Kirche nicht andere Werte vertreten, ewige, anstatt der schönen Vergänglichkeit zu huldigen? Sind wir manchmal nicht fast etwas gekränkt, dass die Schönheit (inkl. Tattoos!!) erlaubt wird, aber der Gottesdienstbesuch nicht?

Mit einer ähnlichen Wertfrage wurde Jesus kurz vor seinem Tod konfrontiert. Eine Frau, nach gewissen Quellen eine sogenannte Sünderin, was etwa so zweideutig klingt, wie wenn wir «Massagesalons» sagen, leerte eine sündhaft teure Flasche Parfümöl über ihm aus, für das sie selber wohl mehr als ein Jahr arbeiten musste (Mk. 14 par). Und die Kritik der anwesenden Männer (Kunden?) kam sogleich: Dafür hätte man den Armen etwas geben können. Ironischerweise könnten das die Männer ja direkt, ohne Umweg über die Sünderin, aber ich schweife ab. Die Antwort Jesu ist von seltener Schnoddrigkeit: «die Armen habt ihr allezeit». Lukas, der Evangelist der Armen, überliefert sie nicht. Das ging ihm wohl zu weit. Aber die Begründung ist überraschend: «Sie hat mich zum Begräbnis gesalbt.» In der Tat: Als am Ostermorgen die Frauen Jesus, den «Christus», den «Gesalbten» salben wollten, war es zu spät: Er war nicht mehr da. Also hatte ausgerechnet die «Sünderin» ihn zum Christus gesalbt!

«Alles hat seine Zeit», weiss die Weisheit des Predigers: «die Armen haben ihre Zeit» und die Schönheit hat ihre Zeit; «jederzeit seien deine Kleider weiss». Dieses Mal war die Salbung ein Protest gegen den Tod, eine österliche Handlung! Die duftende Verschwendung am Todgeweihten eine Hoffnungshandlung! Schönheit zeugt von Leben. Ostern ist das Fest des Lebens. Deshalb öffnen in dieser Zeit Schönheitssalons, aber auch Blumenläden und Gartencenter, wo man die Schönheit der Schöpfung kaufen und pflanzen kann. Freuen wir uns einfach mit ihnen allen, denn auch unsere Zeit kommt. Ich wünsche eine schöne Osterzeit!


Michel Müller
Kirchenratspräsident