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Check-in für die Seele

25 Jahre Flughafenkirche: Feier am 6. November. Kunst zum Jubiläum: Im November wird der Andachtsraum der Flughafenkirche mit Kunst bespielt.

Vor dem Abflug eine Kerze anzünden oder mit dem Seelsorger ins Gespräch kommen: Die Flughafenkirche ist seit 25 Jahren Ruhepol und Seelsorgestelle. Im Gespräch mit Flughafenpfarrer Stephan Pfenninger Schait.

Von Christian Schenk


Stephan Pfenninger, nach Corona pulsiert das Leben wieder auf dem Flughafen. Wie erlebten Sie den hektischen Reisesommer?

Es war schon etwas surreal, plötzlich wieder so viele Leute am Flughafen zu sehen, die sich zu gewissen Tageszeiten zu so langen Schlangen formten – und dabei waren wir ja erst bei rund 80 Prozent des Passagieraufkommens im Vergleich zu 2019. Aber natürlich war und ist es auch schön, dass wieder Leben eingekehrt ist und dass am Flughafen wieder Menschen aus aller Welt anzutreffen sind – das ist es ja auch, was diesen Ort ausmacht.

In seelsorglicher Hinsicht glich dieser Sommer wieder mehr den Sommern vor der Pandemie. So versuchten wir beispielsweise Lösungen für gestrandete Passagiere zu finden oder hatten ein offenes Ohr für Mitarbeitende, die unter dem plötzlichen Stress litten.

Spüren Sie noch Nachwehen der Pandemie – begleiten Sie Flughafenangestellte, die ihren Job verloren haben?

Jobverlust oder die Angst davor war während der Hauptphase der Pandemie immer wieder ein Thema, dies hat sich nun gelegt. Zurzeit haben manche Firmen am Flughafen eher das gegenteilige Problem und finden nicht genügend Mitarbeitende, um den Reiseansturm bewältigen zu können. Und das steht bei den Nachwehen der Pandemie sicher an vorderster Stelle: der Stress, der durch die Personal­knappheit verursacht wird und die damit einhergehende hohe Belastung der Mitarbeitenden. Dazu kommt, dass die Mitarbeitenden den ganzen Frust der Reisenden, die manchmal extrem lange warten müssen, zu spüren bekommen.

Die Flughafenkirche gibt es nun seit 25 Jahren. Wie hat sie sich in den letzten Jahren entwickelt?

Der Umzug an unseren neuen Standort im Check-in 2 vor sechs Jahren hat die Flughafenkirche wohl am stärksten verändert. Nach mehreren Jahren in einem Provisorium, das nicht so einfach zu finden war, sind wir plötzlich wieder mittendrin im Geschehen und viel sichtbarer als vorher. Dadurch, dass wir unsere Büros direkt neben dem Andachtsraum haben, kommen wir auch oft mit Besuchenden ins Gespräch, die gar nicht unbedingt ein Gespräch gesucht haben. Diese Niederschwelligkeit birgt für die Kirche eine enorme Chance – das Angebot für ein seelsorgliches Gespräch wird so ganz einfach zugänglich, auch für Menschen, die der Kirche vielleicht kritisch gegenüberstehen und einfach mal aus Neugierde den Andachtsraum besuchen.

Wie sieht die Zukunft aus? Braucht es Veränderungen?

So wie sich der Flughafen und das Luftverkehrsumfeld ständig verändern, verändert sich ein Stück weit auch die Flughafenseelsorge. Wir versuchen, die Entwicklungen und Bedürfnisse wahrzunehmen und unter den jeweiligen Bedingungen, so gut es irgendwie geht, für die Menschen am Flughafen ansprechbar zu sein.

Mit der Flughafenkirche spricht die Kirche Menschen am Weg und im Alltag an. Liesse sich das Konzept auch anderswo realisieren?

Das wird anderswo schon ähnlich realisiert, ich denke z.B. an die Bahnhofkirche, die Kirche am Weg ist, oder an die Spitalseelsorge, die ja nicht nur für Patientinnen und Patienten da ist, sondern auch für das Personal. Ich wünschte mir generell, dass Kirche viel mehr in Betrieben und an Arbeitsplätzen der Menschen präsent wäre, denn dort verbringen viele Menschen einen grossen Teil ihrer Lebenszeit.


• Kunst zum Jubiläum: Zum Jubiläum erscheint der Andachtsraum der Flughafenkirche in künstlerisch verwandeltem Kleid. Die Installation des Künstlerduos Marcus Pericin und Florian Bachmann ist den ganzen Monat November zu erleben.

• Am 6. November (16 Uhr) findet eine Jubiläumsfeier am Flughafen Zürich statt. Die Platzzahl ist beschränkt.
Infos und Anmeldung auf: www.flughafenkirche.ch


Geschichte mit Höhenflügen...

1996 fanden Gespräche über die Errichtung einer Flughafenseelsorge zwischen der Flughafendirektion und dem Kirchenrat statt. Die beiden Theologen Pfarrer Walter Meier (ref.) und Diakon Claudio Cimaschi (kath.) wurden mit der Ausarbeitung eines Konzeptes betraut. Beide waren mit der Luftfahrt verbunden, Walter Meier hatte während seines Theologiestudiums als Flugbegleiter bei der Swissair gearbeitet. 1997 nahmen die Seelsorger ihren Dienst offiziell auf. Seither wird die Flughafenkirche ökumenisch getragen und verantwortet. Sie bietet ihre Dienste auf vier Ebenen an: Seelsorge an den Reisenden und Asylsuchenden, Seelsorge beim Personal, Gottesdienste und kirchliche Handlungen wie Taufe, Trauungen oder Trauerfeiern, sowie die Koordination und Schulung im Bereich des Notfallmanagements des Flughafens.

...und Tiefpunkten

In den ersten Jahren war das Team der Flughafenkirche mit grossen Tragödien konfrontiert und leistete Hilfe als Teil des Care-Teams: 1997 verloren bei einem Terroranschlag in Luxor 36 Schweizerinnen und Schweizer ihr Leben. In einem Hangar in Zürich fand eine grosse Trauerfeier statt. 1998 kamen beim Absturz einer Swiss­air-Maschine in Halifax 229 Menschen ums Leben – der ganze Flughafen stand auch da unter Schock und die Seelsorge war wiederum aufs äusserste gefordert. Ebenso 2001 beim Grounding der Swissair und beim Absturz einer Crossair-Maschine mit 24 Toten im selben Jahr.

Immer wieder war die Flughafenkirche aber auch Schauplatz von freudigen und tröstlichen Ereignissen. Stephan Pfenninger Schait, Jacqueline Lory und Andrea Thali stehen heute als Seelsorgeteam allen Menschen – unabhängig von Glauben, Religion und Weltanschauung – für Gespräche zur Verfügung. Sie setzen sich für «eine zeitgemässe Seelsorge ein, die sich am Evangelium Jesu orientiert und wo die Wertschätzung jedes Menschen zu jeder Zeit im Zentrum steht».