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Eins zu Eins

"Orbit", eine Kooperation mit der Stadtkirche Winterthur

Über fünf Tage hinweg bot das "Orbit" in seinem Vorgarten Platz und 12 Gesprächspartner*innen aus dem Quartier an. Insgesamt 23 Termine standen zur Auswahl. Wer mochte, konnte ein persönliches Gespräch via Internet buchen. - Monika Wilhelm, Theologin, erzählt:


Bitte beschreiben Sie Ihre Idee kurz

Zwei Menschen sitzen sich in zwei Meter Distanz gegenüber. Sie haben 45 Minuten Zeit, um sich zu unterhalten. Niemand unterbricht sie, niemand will etwas von ihnen. Sie sind einfach da, interessieren sich füreinander, hören einander zu und freuen sich über den Blick in die Welt des / der anderen.

Auf diese Art haben wir - das Team Orbit zusammen mit einer Freiwilligen - Menschen ein Gespräch mit jemand anderem aus dem Quartier ermöglicht: Beispielsweise mit einem Fotografen, mit der Programmleiterin eines unabhängigen Kinos, mit einem Nachbarn, der Impro-Theater spielt oder mit einer Reinigungskraft, die im Quartier bei Privaten, in Büros und in Clubs putzt. Online wurden alle kurz vorgestellt; über unsere Webseite konnten sich Interessierte für ein Gespräch anmelden (http://admin.orbit.win). In der letzten Maiwoche standen von Dienstag bis Samstag von 16 bis 21 Uhr insgesamt 23 Plätze nacheinander zur Verfügung.

Wie sind Sie auf die Idee gekommen?

Orbit.jpgSchon länger überlegten wir, ob und wie wir Personen ähnlich dem Speed-Dating ins Gespräch miteinander könnten. Während des Lockdowns merkten wir, dass viele Kulturschaffende in unserem Quartier mehr Zeit hatten als sonst, weil ihnen Aufträge wegbrachen. Die Idee der "Gesprächs-Verkupplung" tauchte wieder auf. Denn vielen Menschen fehlten Gespräche von Angesicht zu Angesicht. In unseren Hinterköpfen geisterte auch das Konzept der "Human Library" herum. Es geht davon aus, dass im persönlichen Dialog sehr gut Stereotypen und Vorurteile abgebaut und neue Welten eröffnet werden. So kamen wir auf unsere längere "Eins zu Eins"-Variante.

Was hat es gebraucht, um die Idee umzusetzen?

Wir wollten einfache und schön gestaltete online- und offline-Darstellungen unserer Aktion. So haben wir einen Programmierer damit beauftragt, uns ein Gesprächs-Anmelde-Formular online zu kreieren. Ein befreundeter Schreiner war einverstanden, mit uns den verbindenden Tisch zu bauen. Daneben mussten 12 Gesprächspartner*innen im Quartier gefunden werden. Dies war überraschend einfach: Mit einer Ausnahme sagten alle Angefragten hocherfreut zu. Auch die Aufteilung der Zeiten ging erstaunlich reibungslos vor sich. Wir fungierten als Gastgebende.

Wie gesagt: Menschen, die sich für die Gespräche zur Verfügung stellten, fanden wir rasch. Jedoch haben sich zunächst nur verhalten Leute gemeldet, die mit diesen reden wollten. Wir hörten uns ein wenig um: Viele fanden es herausfordernd, so lange mit Fremden zu sprechen. Schliesslich wurden doch 20 der 23 Plätze gebucht.

Wen und wie viele haben Sie erreicht, welches Echo gab es?

Die meisten Gespräche dauerten länger als 45 Minuten. Alle Teilnehmenden waren begeistert. Die Rückmeldungen reichten von «Das Gespräch hat mich beglückt» über «Mega coole Sache: Nächstes Mal könnt ihr mich auch als Gesprächspartner fragen» oder «Ich bin in eine Welt eingetaucht, zu der ich sonst keinen Zugang hatte – das ist total spannend!» bis hin zu «Ich finde es schön, dass die reformierte Kirche etwas macht, was mich interessiert.»

"Kirche, Glaube, Spiritualität" standen nicht im Vordergrund. Jedoch erhielten wir als Feedback oder erlebten es selbst, dass darüber doch miteinander oder mit uns Gastgebenden gesprochen wurde, teilweise angestossen durch den Ort, der «ja irgendwie auch Kirche ist».

Daneben hat diese Aktion dazu geführt, dass das "Orbit" im positiven Sinne im Quartier und stadtweit bekannter wurde.

Was nehmen Sie daraus mit für die Nach-Corona-Zeit?

Eine solche Aktion ist prima, um Menschen im Quartier miteinander zu vernetzen. Dabei haben sich nicht nur die Gesprächspartner*innen kennengelernt. Auch wir als Gastgebende kamen mit den Leuten ins Gespräch, beispielsweise beim Empfang, der Verabschiedung oder dem Servieren von Getränken.

Zudem hat uns gefreut, wie positiv die Reaktionen über die Aktion – und die Kirche – waren und wie einfach es war, Menschen als Gesprächspartner*innen zu gewinnen. Frisch-fröhlich auf Leute zugehen und sie für etwas anfragen, bei dem wir denken, das würde zu ihnen passen – diese Haltung würde ich gern behalten. Genauso behalten möchte ich das Vertrauen darauf, dass Glaubensthemen sich selber einen Weg ins Gespräch suchen. Ich muss sie nicht unpassend hineinquetschen, nur damit das, was ich mache, als "Kirche" gilt.

Was raten Sie anderen Kirchgemeinden, die gerne ähnliches initiieren würden?

Für ein nächstes Mal würden wir vermutlich die Gespräche auf 30 Minuten beschränken und 30 Minuten Puffer einplanen. Das senkt die Hemmschwelle. Der Gesprächsort sollte gut ausgewählt werden. Bei uns fanden die Unterhaltungen im Vorgarten statt: Viele Menschen sahen im Vorbeilaufen oder Vorbeiradeln,  wie unser Angebot funktionierte. Einige meldeten sich daraufhin noch an. Zugleich haben wir mit Tisch und der Deko versucht, eine Art  «gemütliche Wohnzimmeratmosphäre» zu schaffen: Eine Balance zwischen sichtbar und privat ist wohl erstrebenswert.


Für Fragen steht Monika Wilhelm, Theologin gerne zur Verfügung:

monika.wilhelm@zhref.ch