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"Nahrung für Leib und Seele"

Ref. Kirche Zürich, Kirchenkreis sechs

Corona-bedingt gibt es keinen gemeinsamen Mittagstisch mehr. Wirklich? Der Kirchenkreis sechs in Zürich sah es anders: Wenn die Leute nicht zum Tisch kommen können, kommt der Tisch zu den Leuten. - Sozialdiakonin Monika Hänggi erzählt:


Wie sind Sie auf die Idee gekommen?

In normalen Zeiten laden wir regelmässig an fünf Standorten zum gemeinsamen Mittagessen ein. Wie oft, was es gibt, wie viel es kostet und wer kommt, ist je nach Ort verschieden. An einem Standort servieren wir die (vegetarischen) Mahlzeiten wöchentlich, an drei anderen alle vierzehn Tage und an dem fünften Standort sechs Mal im Jahr. Eine Köchin und Freiwillige helfen uns. Angesichts der regelmässig Wiederkehrenden wissen wir: Das Essen in christlicher Gemeinschaft einzunehmen wird geschätzt. Kommen kann, wer mag.

Essen.JPGNach dem Lockdown liess es mir keine Ruhe: Wie könnten wir dies anders gestalten? Nun kocht unsere Köchin jeden Donnerstag ein "Ein-Topf-Menü". Sie legt zum Tuppergefäss eine Anleitung dazu, wie es aufgewärmt werden kann und legt noch eine schöne Kleinigkeit dabei. Blumen, Sirup, Kräutersalz. Immer auch eine Serviette. Unser Pfarrteam schreibt reihum einen Text dazu. Ein ehemaliger Organist schickt uns Lieder. Das Diakonie-Team hilft beim Kopieren, Eintüten und Etikettieren gemäss unserer "Bestellliste". Denn manche bekommen vegetarisches Essen. Unser Hauswarts- und SigristInnen-Team bringt es dann bei allen Teilnehmenden vorbei und holt die leeren Schalen wieder ab. Mitunter finden sich darin kleine Dankes-Botschaften. Letzthin habe ich diese in unserer Gemeindebeilage des "reformiert.lokal" veröffentlicht. Wir sind also in einem fortwährenden Dialog mit unserer Gemeinde.

Seit dem 26. März bis zu den Sommerferien bieten wir unseren Mahlzeitendienst an. Wir haben mit 100 Mahlzeiten begonnen und haben seit einigen Wochen unsere Kapazitätsgrenze von 150 Mahlzeiten erreicht.

Was hat es gebraucht, um die Idee umzusetzen?

Diakonieteam, Geschäftsleitung und Angestellte waren von der Idee kurz nach Beginn des Lockdowns sehr angetan. Am 26. März haben wir unser Angebot lanciert:Wir haben alle von den Mittagstischen, die wir kannten, angerufen, uns nach ihrem Befinden erkundigt und auf das Angebot aufmerksam gemacht. Dazu haben wir auch unser E-Mail-Verzeichnis genutzt. Einige Teilnehmende sind im Laufe der Zeit durch Mund-zu-Mund-Propaganda auf uns aufmerksam geworden.

Viele - Köchin, Hauswart/SigristInnenteam, Diakonieteam, Pfarrteam - wirken mit; jeder und jede mit speziellen Aufgaben und Fähigkeiten. Etwas Zeit brauchte es, bis wir Routinen entwickelten. Aber nun sind wir eingespielt. Pro Mahlzeit verrechnen wir 6 CHF Unkostenbeitrag. Im Juli rechnen wir dazu ab.

Wen und wie viele haben Sie erreicht, welches Echo gab es?

Ganz unmittelbar: Unsere Köchin wird überhäuft mit Komplimenten. Ein "Ein-Topf-Essen", so sagen manche, hätten sie niemals im Restaurant bestellt.  Und sind überrascht, wie gut es schmeckt.

Und: Diakonie ist nicht einfach nur ein Wort, sondern auch die Tat. Uns sagen Gemeindemitglieder: "Das `Wir sind für Sie da` spüren wir wirklich." . Die meisten sind materiell eigentlich versorgt. Die Kombination aus geistiger und körperlicher Nahrung und der regelmässige Kontakt mit uns macht es für viele attraktiv. Die Leute brauchen oft einen kleinen Grund zum Anrufen, um sich bei uns zu melden. Daraus ergeben sich Gespräche, ebenso beim Holen und Bringen der Tupperware. Für uns, die das Angebot bereitstellen, ist es ebenso lohnend: Einige Mitarbeitende hätten sonst recht wenig zu tun gehabt. Jetzt kommen sie viel mehr mit Gemeindemitgliedern in Kontakt als früher. Wir sind als Team und als Gemeinde näher zusammengerückt.

Was raten Sie anderen Kirchgemeinden, die Ähnliches planen?

Wesentlich ist, dass alle Mitarbeitenden ein solches Angebot mittragen. Denn nur deshalb können wir auf eine gute Art und Weise die Nahrung für Leib und Seele liefern. In dieser besonderen Lage ist es gut, wenn jede Kirchgemeinde schaut, wo sie stark ist und aus dieser Stärke heraus handelt.

Was nehmen Sie daraus mit für die Nach-Corona-Zeit?

Einige Leute sind durch unser Angebot neu auf uns aufmerksam geworden. Den Kontakt zu diesen möchten wir gerne beibehalten. Eine Freiwillige hat sich sogar anerboten, parallel zum normalen Mittagstisch auch zukünftig Personen zu beliefern, die nicht zu uns kommen können.

Grundsätzlich möchte ich mitnehmen, dass wir noch mehr als bisher individuell Kontakt halten. Und offen und kreativ in die Zukunft denken: Es hat sich ja plötzlich gezeigt, dass es auch anders gehen kann. Wir sollten mehr nach aussen, zu den Leuten gehen anstatt so orts-fokussiert zu arbeiten.


Für Fragen steht Sozialdiakonin Monika Hänggi gerne zur Verfügung:

monika.haenggi@reformiert-zuerich.ch
Telefon: 044 253 62 81