Message

Partnerschaft in Freiheit

Input zum Reformationsjubiläum 2017 Projekt Schattenwurf Zwingli. Botschaft von Grosssmünster-Pfarrer Christoph Sigrist vom 1. März 2017.

Partnerschaft in Freiheit

Die Suche nach neuen Partnerschaften ist Mode. Portale im Internet öffnen Türen zum Glück in neuer Zweisamkeit. Wirtschaftskapitäne äugen nach taumelnden Firmen, um sie aufzukaufen und die eigene Marktposition zu verbessern. Kirchgemeinden und Pfarreien suchen Wege, um zusammenzuwachsen. Dabei gilt: Kommunikation ist alles. Heute ist Aschermittwoch: Aschen werden in Messen und Vespern gesegnet, die Fasten- oder Passionszeit Jesu eingeläutet. Die Kommunikation ist klar: Halte inne, denke nach, auf was zu verzichten ist und wo es um die ganze Wurst geht  – womit wir beim legendären Wurstessen von Huldrich Zwingli in der Fastenzeit anno 1522 wären.

Zwingli sass zusammen mit zehn, zwölf anderen bei seinem Freund, dem Buchdrucker Christoffel Froschauer, in seinem Haus „zur alten Fasnacht“. Mit Freuden ass die Gesellschaft die gekochten Würste. Kommuniziert wurde dem Metzger, sie seien für eine Frau im Kindbett bestimmt. Zwingli schaute überrascht zu. Der Stadtklatsch tratschte am Stammtisch, im Rat und den Wohnstuben. Es kochte in der Gerüchteküche. Zwingli spürte: Jetzt geht es um die Wurst, um die Freiheit des Christenmenschen, nach bestem Wissen und Gewissen das Zusammenleben aller neu zu gestalten. Der kritische Blick auf kirchliche und biblische Traditionen, sowie der kommunikative Clou, mit Buchdruck im Haus, Streitgespräche im öffentlichen Raum abzuhalten und in der Volkssprache auf der Kanzel die Herzen zu öffnen, führten zu dramatischen gesellschaftlichen Umwälzungen. Neue Partnerschaften wurden auf wichtigen Feldern eingegangen und eröffneten neue Freiräume.

  1. Freiräume für das Leben. Die Wertschätzung zwischen Katharina von Zimmern, der letzten Äbtissin des Fraumünsterklosters, und Huldrich Zwingli war sehr gross. Ihre Freundschaft trug wesentlich dazu bei, dass durch ihren Entscheid, das Kloster mit all seinen Ländereien und Besitztümern der Stadt im Dezember 1524 zurückzugeben, auch die anderen Klöster aus der kirchlichen in die staatliche Partnerschaft eingebunden wurden. Das Predigerkloster wurde zum Spital umgenutzt. In seinen Küchen entstand die erste Stadtküche für die notleidende Bevölkerung, der Mushafen. Aus den ehemaligen kirchlichen Räumen wurden Pflegeheime für ältere Menschen und Wohnräume für Witwen und Waisen. In einem Gemeinwesen geht es beim Wohnraum um die ganze Wurst, um den solidarischen Lebens- und Entfaltungsraum für Gemeinschaften.

  2. Freiräume für Minderheiten. Einige Freunde wurden kurze Zeit später zu den heftigsten Gegnern von Zwingli und dem Rat. Mit Blick in die Bibel wollten sie radikal mit dem Zins brechen und lehnten jede Form von Gewalt ab. Sie liessen sich als Erwachsene taufen. Ihre durch die politischen Behörden angeordnete Verfolgungsgeschichte sowie die vollzogenen Todesurteile gegen die Täufer um Konrad Grebel und Felix Manz waren schuldbeladen. Im politischen und kirchlichen Versöhnungsakt 2004 im Grossmünster und an der Limmat wurden zarte und verlässliche Bande zwischen Verfolgten und Verfolger geknüpft. Beim Umgang mit konfessionellen und religiösen Minderheiten geht es um die ganze Wurst: um Integration statt Ausschluss von anders glaubenden und anders lebenden Menschen, um Anerkennung im öffentlichen Raum statt Verdrängung in private Gemäuer.

  3. Freiräume für Beziehungen. Mit der Aufhebung von Klöstern ermutigte Zwingli Nonnen und Mönche zur Heirat. Durch die Einrichtung des neuen Ehegerichts wurden Zwangsheiraten abgeschafft. Zur Heirat mussten Frauen und Männer freiwillig ja sagen. Die Möglichkeit der Scheidung wurde eingeführt. Die Rolle von der Frau wie auch vom Mann verharrte zwar im patriarchalen Paradigma der Unterordnung wie auch der ungleichen Behandlung der Frau gegenüber dem Mann. Doch die Sprengkraft, mutige Schritte in neue Formen zu wagen, wirkt bis heute. Beim Umgang mit Ehe und Familie geht es um die ganze Wurst, um die juristische, kirchliche, religiöse und gesellschaftliche Ausgestaltung von neuen Formen des Zusammenlebens von Frau und Frau, Mann und Mann, Mann und Frau, Eltern und Kindern, zwischen den Generationen, um Gleichberechtigung und Gleichbehandlung.

Die neuen Freiräume für das alltägliche Leben und Wohnen, für Minderheiten und Rollenbilder in Beziehungen: drei gesellschaftliche Felder, in denen Solidarität, Versöhnung und Gleichberechtigung mit der Freiheit neue Partnerschaften eingehen. Hartmuth Attenhofer hat letzte Woche in der NZZ angeregt, die reformierte Kirche solle zum Jubiläum das gemeinsame Wurstessen am 1. Fastensonntag wieder aufleben lassen. Eine tolle Idee! Wenn alte Freiräume verteidigt und neue erkundet werden sollen, ist die Kirche gefordert. Dann geht es nämlich um die Wurst. Huldrich Zwingli hat mit Blick auf das stadtbekannte Wurstessen in einer seiner Predigten kurz darauf lapidar festgehalten: „Summa, dass ich’s kurtz mach: Wiltu gern vasten, thuo es; wiltu gern das Fleisch nit essen, iss es nüt, lass aber mir daby den Christenmenschen fry!“  

Christoph Sigrist

www.schattenwurfzwingli.ch

 

E3A5276.jpg